20 Jahre Marriage Encounter in Ostdeutschland
1981 - 2001
Jubiläumsfeier am 28. 04. 2001
(Fest des hl. Pater Peter Chanel SM)
a)
Was heißt das?
b)
Wie entstand das?
c)
Was will das?
d)
Wie geht das?
e)
Haben wir das (als Kirche) nötig ?
f)
Was ist die Stärke, sind die Gaben (Charismen) von ME?
g)
Worauf baut sich ME auf (Säulen von ME)?
h)
Die Entwicklung der Gemeinschaft ME.
a)
"Marriage Encounter", (gesprochen "märridsch enkaunte")
heißt wörtlich etwa "Tiefe Begegnung in der Ehe".
b)
Der Priester Gabriel Calvo aus Spanien hat aufgrund des 2. Vatikanischen Konzils die Berufung der Eheleute, das Sakrament der Liebe Gottes zu leben, erkannt und durch seine spirituelle Kurse "enquentro matremonial" mit Ehepaaren eingeübt. Eingeladen von der katholischen Familienbewegung in den USA brachte Gabriel Calvo das Anliegen für die Ehepaare nach Amerika. Dort verbreitete es sich sehr schnell. Dabei lernte ihn P. Chuck Gallegher SJ kennen.
Pater Charles Gallagher SJ (liebevoll kurz "Chuck" genannt, weil sein Lehrer in der Klasse einmal so rief), hatte bei Kindern festgestellt: Wo die Beziehung der Eltern untereinander offen und liebevoll, konsequent und stimmig war, da waren die Kinder gewöhnlich verträglich, offen und ausgeglichen. Bei schwierigen Beziehungen oder zerrütteten Elternbeziehungen litten die Kinder und waren voller innerer Not, die sich in Ängstlichkeit, Unausgeglichenheit, Aggression u. ä ausdrückte.
Er sagte sich: Wir müssen also für die Beziehung der Eltern etwas unternehmen. Durch ein psychologisch wohl durchdachtes Kursprogramm, in dem Ehepaare an ihrer Beziehung zueinander arbeiten lernten und für ihre Beziehung aufmerksam wurden, versuchte er an Wochenenden. Das Beispiel von Paaren, die in der Lage waren, freimütig auf der Ebene der Gefühle miteinander zu sprechen, spornte andere an, davon zu lernen und ebenfalls offener füreinander zu werden. Bewusst begann man das psychologische Vorfeld der Beziehung zu bearbeiten, bevor Religion und Gott dazu kam.
Das Programm tat den Paaren so gut, dass sie sich sagten, das muss unsere ganze Pfarrei erfahren, später: Das muss jeder in New York erleben, etc
Durch viele Gespräche mit Ehepaaren wurde das Programm des Wochenendes (später einfach das "Wochenende" genannt) immer konsequenter den Nöten der Paare und den Erkenntnissen der menschlichen Psyche angepasst, dass es schließlich die heutige Form bekommen hat.
Immer deutlicher wurde, das es ein Weg war, die Paare zu "öffnen" für ihre Berufung, durch ihre vertiefte Beziehung zueinander die Kirche zu erneuern.
Pater Chuck erkannte deutlich, dass dieses Wochenende auch Priestern (und Ordensleuten) die Möglichkeit bot, existentiell ihre Berufung neu zu erleben und ihrerseits durch das Sakrament der Weihe die Kirche zu erneuern: Volk Gottes zu werden, ein Herz und eine Seele, Beziehung untereinander zu leben nach dem Ebenbild Gottes.
So kam es, dass Marriage Encounter zu einer Erneuerungsbewegung in der katholischen Kirche wurde. Das Ehepaar ist berufen, ihre Liebe zu leben. Es ist "Kirche im Kleinen". Ebenso ist das Weihesakrament ein Beziehungssakrament und der Priester ist vor allem gerufen, die Liebe zu leben. Durch die Erneuerung und Vertiefung der Sakramente der Ehe und der Weihe wird die Kirche belebt und erneuert.
Wenn auch die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer an Wochenenden die Ehepaare sind, so ist doch das Miteinander von Ehepaaren und Priestern und Ordensleuten die besondere Eigenart der katholischen ME-Bewegung.
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Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
Und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
Und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
Und konnten es einfach nicht fassen.
(Erich Kästner, 1929)
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c)
ME will also den Ehepaaren die Chance geben, ihre Beziehung zueinander in den Blick zu nehmen, sie zu vertiefen, miteinander über sich und ihr Erleben zu sprechen und Verletzungen untereinander zu heilen.
ME will im Grunde auf bestmögliche Weise dem Sakrament der Ehe eine realistische und hoffnungsfrohe Grundlage geben.
Es will die "Kunst der Beziehung, des Liebens" lehren.
Theodor Storm: "Liebe – welch lieblicher Dunst. Doch in der Ehe, da liegt die Kunst!". Hans Jellouschek: in: Die Kunst als Paar zu leben: "Bei der Kunst, als Paar zu leben, geht es weder um Moral noch um Ideale, sondern um eine realitätsnahe und dabei wirksame Kultur des Alltags."
Die Ehepaare werden dabei auch zu wertvollen Botschaftern für die Priester und Ordenschristen. Ehepaare leben ein Sakrament, das auch für die Priester sowie für alle Mitchristen wirksam wird. Wie Mann und Frau miteinander liebend unterwegs sind, so ist jeder Priester berufen und ermutigt, mit seiner Gemeinde / Gemeinschaft in einer liebenden Beziehung zu leben. Ehepaare und Priester und Ordenschristen erleben, wie wichtig sie füreinander sind und viel einander zu sagen haben.
Aus christlichem Verständnis sehen wir in diesen Liebesbeziehungen, "dass die Frohe Botschaft von Gottes Liebe zu uns "spürbar" wird - für die Partner, die Familie, die Umgebung , die Gemeinde und Gemeinschaft, für die Welt."
Denn so steht es im Johannesbrief: "Wer liebt (lieben kann), der kennt Gott. Wer nicht liebt (nicht fähig ist zu lieben), der kennt Gott nicht. Denn Gott ist die Liebe." (Vgl. 1 Joh 4,7-8)
Das ist das einzige Gebot, das Jesus uns gab; es fasst alle anderen zusammen und verdeutlicht es:
"Liebt einander, wie ich euch geliebt habe".
d)
Bleibt die Frage: Wie geht das?
Durch das Mittel, das wir am Wochenende zu gebrauchen lernen: den liebevollen Dialog: Schriftlicher Liebesbrief und mündlicher Austausch. Hier ist ein Übungsfeld und ein tägliches bewusstes Bemühen, sich und den Partner in den Blick zu nehmen, bis auf die Ebene der Gefühle, und dann darüber auszutauschen, bis auf der Ebene der eigenen und ganz persönlichen Grund-Not oder der Grundbedürfnisse:
Ich möchte wahnsinnig geliebt werden, kann gar nicht genug davon bekommen.
Ich möchte aber auch jemand sein, wertvoll, weil ich da bin und nicht erst nach Ableisten von Bedingungen, frei und selbst verantwortlich für mich.
e)
Haben wir das also nötig: (Oma bei der Goldenen Hochzeit auf die Frage der Journalistin, ob sie nie an Scheidung gedacht hätte. "Scheidung? Nee, das wäre nicht christlich gewesen. Aber ich hätte ihn wohl manchmal tot hauen können").
Hatten wir das nötig?
JA und NEIN.
Unsere Ehe kam uns vermutlich nicht schlecht vor. Und sie war auch nicht schlecht; wenn sie auch manchmal ihre Schwierigkeiten gehabt haben wird.
- NEIN, wir haben es nicht NÖTIG, sondern VERDIENT für all die Jahre, die wir ohne vorhergehende Ausbildung oder Vorbereitung auf die Ehe solch eine treue und ernsthafte Bemühung um einander an den Tag gelegt haben, dass manche dadurch Halt bekamen oder ermutigt wurden.
Anderseits:
- JA, auch wir hatten es nötig, weil wir das nicht gelernt hatten, was uns das Paarsein abverlangte: die intensive und liebevolle Kommunikation, Offenheit und das Zuhören mit dem Herzen.
- JA, wir hatten es nötig, weil uns langsam die Luft ausgehen wollte, wir allmählich inmitten der modernen Umwelt Zweifel bekamen, ob es überhaupt möglich ist, ein Leben lang mit einem einzigen Partner zusammen sein zu können.
- JA, wir hatten es nötig, weil wir es verdienten, dieser Not und diesen Zweifeln zu entkommen und wieder festen Glauben und neue Hoffnung durch die Erfahrung inniger Liebe zu erlangen.
Ähnlich darf für die Priester und Ordensleute gesagt werden:
NEIN - sie haben es nicht nötig (meinen sehr viele), denn sie leben ihr "spirituelles Leben" mit Gebet und Liturgie.
JA – denn wie oft wird priesterlicher Dienst und Ordensleben gesehen als unermüdliches Arbeiten und "Funktionieren". Es wird viel getan und gewirkt, pastoral geleistet, "hat es aber die Liebe nicht..."
JA - denn "Lieben" zeigt sich vor allem darin, dass sich der Priester und Ordenschrist sich selbst einlässt und von sich selbst mitteilt. So wird vom Priester Gemeinde und Gemeinschaft gestiftet und werden von den Ordensleuten ihre "Gelübde" nach den evangelischen Räten gelebt.
f)
Die Erfahrung des Wochenendes ist uns wichtig geworden, weil wir da eine besondere Entdeckung machten, die uns und unserer Beziehung untereinander und gegenüber anderen sehr geholfen hat: Wir entdeckten zunächst, dass unsere Liebe zueinander doch nicht ausgebrannt, sondern unterschwellig glühte. Wir erfuhren, dass der Partner/die Partnerin uns liebt. Wir fühlten uns angenommen, wie wir da waren. In uns erhob sich wieder Zuversicht und Lebenshoffnung.
Unser Traum wurde wieder lebendig. Und wir entdeckten mit Don Quichote: "Es war also doch kein Traum!" Es war eine durchaus realistische Zielrichtung!
LIEBEN IST MÖGLICH !!!
Und wir stellten fest, dass wir Lust hatten, uns zu ändern, anders miteinander umzugehen, eine Umkehr zu vollziehen,
Dann entdeckten wir, dass es nicht so einfach ist, dran zu bleiben, wenn wir allein sind.
Wir spürten die Notwendigkeit der Gemeinschaft, suchten die Gruppe, in der wir das üben konnten, ermutigt wurden, neuen Schwung und neuen Anlauf fanden.
Mit all dem dürfen wir überzeugt sein, dass das Wochenende mit den Erfahrungen ein wertvolles Geschenk für die Kirche und für die Welt ist.
Das sind die verschiedenen Dimensionen der besonderen Geistesgabe, des Charisma vom Marriage-Encounter-Wochenende.
g)
Auf vier Säulen baut sich die ME-Gemeinschaft von Eheleuten, Priestern und Ordensleuten auf, gewinnt sie Kraft, Bestand, Ausbreitung und Erneuerung:
Die Wochenenden:
Die Teams für das Wochenende (Teampaare und Teampriester)
Die Gemeinschaft mit den Dialoggruppen
h)
Die Entwicklung der ME-.Botschaft:
Schon bald spürten die Paare, Priester und Ordensleute, die ein Wochenende miterlebt hatten, die Notwendigkeit von weiteren Impulsen und tieferen Einsichten. So wurden Programme zur Weiterbildung und Vertiefung nicht nur für diejenigen, die das Wochenende geben sollten, angeboten.
Breitflächig sollten alle Paare, Priester, Ordensleute in ME befähigt werden, ihr Sakrament, ihre Gelübde, ihre Weihe zu leben, - als Ebenbild des dreieinigen Gottes, der Beziehung, Gemeinschaft, Kommunikation, kurzum die Liebesfähigkeit in Person ist, - als Sakrament seiner Liebe.
So wurde das sogenannte Bildungswochenende über die Grundbedürfnisse
entwickelt;
danach das Präsenz-WE über die drei sog. "königlichen Wege der Beziehung" und der Präsenz: Dialog, Zärtlichkeit und Beten.
Das Schlüssel- und Zauberwort der Kommunikation ist das "Zuhören mit dem Herzen". Clemens Kleine mit Inge und Manfred Roos boten das Wochenende Zuhören und Nachfragen an, wo das Zuhören mit dem Herzen und das behutsam-hilfreiche Nachfragen geübt werden kann.
Schließlich wurde es der Gemeinschaft mehr und mehr bewusst, welche Not wir mit den drei Hauptstrebungen im Menschen haben, die uns unfrei machen können, nämlich Machtstreben, Besitzstreben und Sexualität. Die "evangelischen Räte" werden als Rat des Evangeliums für alle Menschen, nicht nur für Ordensleute und Priester, sondern ebenso für die Ehepaare wiederentdeckt, als Pendant, als Mittel gegen den Missbrauch von Macht, Besitz und Sexualität: nämlich Armut, Keuschheit und Gehorsam, Räte des Evangeliums, die zur Freiheit von den Fesseln unkontrollierten Strebens führen wollen.
Dafür wurde bei der Feier des 25j. Bestehen von ME-Europa das
Weiterbildungswochenende Frei zum Leben aus der Taufe gehoben.